Gyantse 

Liveticker- Reisebericht:

 

Donnerstag 13.09.2012

9.00 Uhr fahren wir ab nach Gyantse  (260 km) bei bestem Wetter ( 20 Grad; wolkig bis sonnig). Bemerkenswert war, dass am Stadtrand eine Ein- und Ausfahrtskontrolle erfolgt. Und dann ging es auf die Piste…

Die Strecke von Lhasa nach Kathmandu (oder umgekehrt) gehört zu den beliebtesten Strecken in Tibet – der sog. Friendship Highway. Die Strecke ist nicht nur touristisch interessant, sondern sie stellt die Fortsetzung der Hauptverbindungsstraße von Nordtibet und der Seidenstraße nach Nepal und Indien dar. Zwischenzeitlich ist die Strecke vollständig asphaltiert und die LKW’s rollen gen Kathmandu. Auch hier bei dem Straßenbau beweisen die Chinesen Geschwindigkeit aber keine Qualität. Da sie das Unterbett der Straßen nicht annähernd so umfangreich ausbauen wie bei uns, sind Straßenabschnitte bereits 3 Jahre nach Fertigstellung die reinste Huckelpiste aufgrund der Beanspruchung aber auch der Witterungsverhältnisse. Parallel dazu bauen die Chinesen bereits eine Eisenbahnstrecke, die Lhasa mit Kathmandu verbinden soll. Dabei wählen sie ab Lhasa eine Route, bei der sie viele Tunnel bauen müssen. Warum diese Verfahrensweise gewählt wurde, ist nicht bekannt.

Von Lhasa nach Shigatse kann man die Nordroute, die Zentralroute (der eigentliche Friendship Highway) oder die Südroute nehmen. Die Südroute führt über Gyantse und ist die touristisch beliebteste Variante, auf der es eine Vielzahl an abwechslungsreichen Landschaften zu sehen gibt. Auch kulturelle bietet diese Strecke die meisten Sehenswürdigkeiten.

 

Auf der Südroute von Lhasa nach Gyantse fahren wir als erste über den Kamba La (4.794 Meter), der erste hohe Pass, vom dem sich eine schöne Aussicht auf den Yamdrok-Co-See bietet. Der See heißt übersetzt „Skorpionsee“, da der langgezogene bogenförmig verlaufende Ausläufer des Sees und die vielen Fjorde an Schwanz und Beine des Skorpions erinnern. Skorpione sind in Tibet mystische Tiere, häufig sieht man Skorpione an Hoftore und Haustüren gemalt. Der YamdokCo ist einer der vier heiligen Seen in Tibet und ist der höchstgelegene Salzwassersee der Welt – und unter uns, er hat eine tolle türkisene Farbe. Am Yamdrok Co sind die Chinesen gerade dabei, einen Staudamm für ein Wasserkraftwerk zu bauen, das den Wasserspiegel des Sees stark absenken wird…

Solche Pässe kündigen sich i.d.R. durch ein Meer von gespannten Glücksfahnen (wir kennen sie al s Gebetsfahnen) an. Oftmals bietet sich eine asphaltierte Fläche zum Fotografieren an. Es geht hier schon zu wie auf dem Rummelplatz. Viele Touristen wie natürlich Chinesen, Japaner und Europäer wollen ihre ultimativen Fotos machen. Dazwischen tummeln sich Tibeter, die ihre mit Tracht geschmückten Yaks zum Fotografieren anbieten – natürlich gegen Entgelt. Souvenirs werden verkauft.

Weiter geht es auf der Südroute über den Karo La (4.960 Meter). Der Pass ist sehr exponiert, kalte Winde auf der Passhöhe laden nicht zum Verweilen ein. Vom Pass bietet sich eine weite Sicht in alle Richtungen, besonders auf die beiden im Süden stehenden vergletscherten 6.000er und den im Norden stehenden Nochin Kasang (7.136 Meter). Leider hatte es zu regnen begonnen. So konnten wir zwar schauen, aber fotografieren war quasi unmöglich.

Der nächste Pass ist der Simi La (4.275 Meter), ein flacher, unspektakulärer Pass. Von der Passhöhe sieht man das Wasserkraftwerk, das am Yamdrok Co. in Bau ist.

 

Zwischendurch gab es recht spätes Mittagessen in einem kleinen Ort, mit etlichen Restaurants auf der Durchgangsstraße. In einem sehr einfachen chinesischen Restaurant haben wir uns an der einfachen chinesischen Hausmannskost - oder wie unser Reiseleiter sagte Fernfahreressen - versucht satt zu essen. Für eine Zwischenmahlzeit war das völlig in Ordnung und geschmacklich auch ganz gut.

 

Im widerlichen Nieselregen bei Temperaturen um 10 Grad erreichten wir endlich gegen 17.00 Uhr Gyantse („Königlicher Gipfel“). Lange Zeit war sie die drittgrößte Stadt Tibets. In früheren Zeiten war der Ort, dessen nachweisbare Geschichte 1365 begann, ein wichtiger Umschlagplatz für Yak- und Schafwolle. Der Dzong, das Kloster Pälkhor Chöde und der Kumbum-Chörden waren ein Ergebnis einer kurzzeitigen politischen Hochzeit im 14. Jh. bis Mitte 15. Jh. durch die Kooperation eines Fürstengeschlechts mit dem Sakya-Orden (dazu später). Seine guten Handelsverbindungen machten Gyantse auch für die Engländer begehrenswert. 1904 erstürmte die Expeditionsarmee von Colonel Younghusband (hi, hi) den bis dahin für uneinnehmbar geltenden Dzong (Festung) und erzwangen so die Eröffnung von Handelsniederlassungen in Gyantse. Die Briten erkannten die chinesische Oberhoheit über Tibet an (!) und zogen später ab – hinterließen aber viele Spuren. In den 1940-er Jahre wurde fas t die gesamte Wollproduktion nach Britisch-Indien exportiert. Die Flut 1954, der Einmarsch der Chinesen1959 und schließlich die Kulturrevolution ab 1966 brachten fast einen vollständigen Niedergang dieser einst so wichtigen Handelsstadt.

Heute ist Gyantse ein gemütliches, eher verschlafenes Städtchen mit einem alten zusammenhängenden, gut erhaltenen tibetischen Wohnviertel und einer noch überwiegend tibetischen Bevölkerung. Sie liegt auf einer Höhe von 4.040 Metern und hat trotz der chinesischen Neubauten, die sich wie ein Ring um die Altstadt ziehen, seine Atmosphäre bewahren können.

 

Wir wohnten in einem sozialistisch-chinesischen Hotelgebäude (Gyantse-Hotel), 1986 erbaut, seitdem nie wieder renoviert oder saniert. Das Hotel war ziemlich grottig – kalt und abgewohnt-  aber zumindest war die Bettwäsche sauber.

Abends fuhren wir in ein schönes Garten-Restaurant direkt neben dem Tempel Pälkhor Chöde, wo wir von einem guten tibetischen Buffet aßen. Der Weg im Anschluss daran zum Bus durch echte Finsternis und Schlammstraße wurde zum kleinen Hindernis – dank Minitaschenlampe kein Problem.

Wir haben in der Nacht besser geschlafen trotz harter Matratze und diverser Toilettenbesuche.

 

Ein paar Worte zum Thema Hygiene:

Allseits bekannt ist natürlich, dass das Leitungswasser nicht getrunken werden darf (auch nicht zum Zähneputzen benutzen) und die Toiletten i.d.R. nur im Hotel „europäisch“ sind. Unterwegs erwarten uns die unterschiedlichsten Modell: Kabinen mit Porzellanschüssel im Boden; Porzellanschüsseln im Boden voneinander getrennt mit einem halben Meter hohe Mauer, sehr beliebt auch die gefließte Rinne und von den Damen weniger bevorzugt ;o) das Holzloch (da geht man doch zur Naturvariante über, wobei man sagen muss, dass die Porzellanvariante oftmals auch so schmutzig (samt Gestank) sind, dass auch hier am liebsten die Naturvariante gewählt werden würde

Von Studiosus wurde vorab darauf hingewiesen, dass gerade bei der Überlandfahrt in den Hotels Wasser gespart wird, so dass die Bettwäsche mehrfach benutzt wird. Für diese Fälle hatten alle ihre Notfallversorgung dabei. Wir wussten, dass wir drei Übernachtungen in einfachen Unterkünften, sog. Gästehäuser, untergebracht sein werden. Dass wir die Nächte jedoch mit Motten, Mücken, Silberfischchen und Mäusen verbringen, faden wir dann doch etwas gewöhnungsbedürftig. Aber gut, man richtet sich so gut wie möglich ein und irgendwann schläft man auch wieder gut. Danke Anjana, für den leckeren Tee, wir haben ihn in unseren trüben Stunden sehr genossen! Danke Mutti für die kuscheligen Socken, sie waren ein Trost in diesen Betten.

 

Freitag, 14.09.2012

Da die Festung Dzong, die die Engländer eroberten hatten, noch immer restauriert wird, hieß es für uns nur eine Nacht Gyantse (Gott sei Dank) und im Anschluss daran zwei Nächte Shigatse. Das hieß 9.00 Koffer raus; 9.30 Uhr Abmarsch. Wie Manfred bedauerlicherweise feststellen musste, gab es bereits ab 8.30 Uhr kein Frühstück mehr. Das hieß, wir nahmen auf dem Zimmer ein Notfrühstück aus mitgenommenen Kleinigkeiten (grüner, Tee, Müsli, Pumpernickel) zu uns. Dabei konnten wir ausprobieren, Müsli kann man auch mit Stäbchen essen ;o)

 

Unser erster Programmpunkt: Spaziergang durch die Altstadt, die sich durch ursprüngliche Bebauung aber wenige asphaltierte Straßen auszeichnete .Auf dem Weg zur Altstadt machten wir an einer Markthalle halt. Dort gab es allerlei zu sehen: Auslagen mit verschiedensten Gemüsesorten (die wir natürlich nicht alle kannten), Stände mit zerlegten Fleisch (Hygiene hat in Asien eine andere Bedeutung), Fisch, Backwaren - ein Paradiese für Manfred zum Fotografieren. Unser Reiseleiter teilte sich mit Manfred Momos mit Schweinefleisch gefüllt. Offenbar hatte er auch noch nicht gefrühstückt…

 

Um zum Aussichtspunkt beim Dzong mit Blick über das Kloster Pälkhor Chöde zu gelangen, durften wir die Seitenstraßen der Altstadt durchstreifen, die lediglich aus planierten durch den Regen aufgeweichte Sandstraßen bestanden. So wateten wir vorbei an den tibetischen Häusern mit ihren typischen Verzierungen und Bemalungen durch schlammige Straßen bestückt mit Kuhmist, von den vor den Häusern angebundenen Kühen. Da sich durch die Kälte das Leben vorwiegend in den Häusern stattfindet, konnten wir fast niemanden auf der Straße begegnen. Der Yak- und Kuhmist wird mit Stroh vermengt und dann zu Fladen geformt an der Hausmauer zum Trocknen aufgestapelt und anschließend zu kleinen Mauern aufgebaut. Das ist der Brennvorrat. Große mit Silberfolie beschichtete Schalen, die wie Parabolantennen aussehen, liegen in den „Gärten“, um bei Sonnenschein Wasser in einem Kessel zu erhitzen, welcher in das aufgesetzte Gestell platziert wird.

Dann erfolgte der Aufstieg. Er war beschwerlich – natürlich – und hin und wieder musste man stehen blieben, um tief Luft zu holen und den Puls zu beruhigen. Nach und nach haben alle den Aufstieg gemeistert und man hatte einen spannenden Blick über die Stadt und das Kloster.

 

Der Blick auf das 1390 gegründete Kloster Pälkhor Chöde ist beeindruckend aufgrund dessen Lage. Das Kloster ist vom natürlichen Halbrund eines freistehenden Felsens eingefasst, dessen Grat von einer Mauer gekrönt wird. Auch dieses große Kloster ist während der Kulturrevolution stark beschädigt worden. Man kann sich nur noch schwer vorstellen, dass an dieser Stelle eine komplette Klosterstadt gestanden hat, deren Bedeutung darin lag, dass sie keine Klosterstadt wie Drepung in Lhasa oder Tashilhunpo in Shigatse (kommt noch) war, sondern ein ökumenisches Zentrum. Innerhalb seiner schützenden Mauern befanden sich Ende des 17. Jh. 16 autonome Klöster dreier (von vier) Schulrichtungen: vier Sakyapa-, drei Shalupa und neun Gelugpa (Gelbmützen, Dalai Lama)-Klöster. Später kamen sogar noch zwei Institute hinzu, so dass es hier ab dem 19. Jh. sogar 18 Institute gab. Im Klosterbezirk stehen heute nur noch der einzigartige, 32m hohe Kumbum-Chörten(eine Stupa) und der Tsuglagkhang, die Hauptversammlungshalle ursprünglich für alle hier vereinten Klöster – beide besichtigten wir. Daneben befindet sich das kleine Sakyapa-Kloster Gurpa, und am Berghang steht das Shalupa-Kloster Rinding (derzeit nicht zu besichtigen). Dahinter erhebt sich die mächtige „Mauer zum Sonnenbaden Buddhas“, an der zu wichtigen Festen die großen Thankas ausgerollt werden.

Der Weg zurück führte uns wieder durch die Altstadt zu oben beschriebenen Kloster, das wir dann besichtigten. Wenige Worte noch dazu. Der Kumbum-Chörten gehört zu den großen Monumenten tibetischer Architektur und ist der einzige noch erhaltene Kumbum-Chörten (Chörten der 100 000 Abbildungen) Tibets, der ein begehbares dreidimensionales Mandala darstellt. Der Chörten kann auf mehreren Ebenen terrassenförmig umrundet werden und dabei mehrere, eingelassene Kapellen besichtigt werden. Bei so vielen Kapellen konnte man leicht den Überblick verlieren… Den haben wir auch verloren. Wir haben nur drei Terrassen abgelaufen. Auf der fünften Terrasse wäre man auf „Augenhöhe“ der Stupa gewesen! Schade… Diese Form der Begehbarkeit ist relativ einmalig. Es gibt weltweit nur weniger dieser begehbaren Chörten.

 

Gegen 13.30 Uhr haben wir dann in diesem netten kleinen Gartenrestaurant vom Vorabend gespeist. Es gab wieder ein tibetisches Buffet. Gegen 14.30 Uhr hieß es Einsteigen in den Bus und Abfahrt nach Shigatse.

 

 

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