New Tingri

 

Liveticker / Reisebericht:

Sonntag, 16.09.2012

Um 9.00 Uhr verlassen wir Shigatse mit dem Bus in Richtung Shegar Dzong/New Tingri. Das hieß, es lagen ca. 300 km Wackelpiste vor uns.

Die ersten 154 km Wackelpiste mit Abstecher zum Kloster Sakya schafften wir bis 12.00 Uhr. Dabei passierten wir den Pass Tsuo La (4.520m). Hier haben wir uns für unser Höhentrainingscenter fotografieren lassen – als Andenken und für ihre Website.

Unterwegs müssen wir immer wieder an Radarkontrollpunkten anhalten. Das ist bereits seit Lhasa so. Sie kontrollieren, wie lange man von einem Kontrollpunkt zum Nächsten unterwegs war. Für Lastwagenfahrer mag das System als Radar zutreffen. Bei Reisegruppen ist die gesamte Route bekannt (vielleicht bei den Lastwagen auch?). So kann niemand verloren gehen… Big brother ist watching you… Dein GPS kannst du getrost zu Hause lassen ;o)

 

Das Kloster Sakya („Grauer Boden“) mit seinen charakteristischen mächtigen Wachtürmen ist sicher eine der kunsthistorisch wertvollsten Sehenswürdigkeiten Tibets. Die Sakyapaschule, eine der vier großen buddhistischen Lehrrichtungen des Schneelandes, wurde hier 1073 von einem Angehörigen der lokalen Herrscherdynastie gegründet und entwickelte sich schon früh zum Zentrum eines Klosterstaates. Für nahezu ein Jahrhundert übte Sakya auch in weltlichen Dingen die Vorherrschaft über weite Teile Tibets aus. Die Thronfolge im Kloster Sakya war traditionell erblich, und der Abt galt als Inkarnation des Manjushri; dies war im gewissen Sinn bereits die Vorwegnahme der Theokratie unter dem Dalai Lama in Tibet. Zwischen 1260 und 1959 regierten die Sakya-Äbte ein gut 3.500 km2 großes Gebiet. Legitimiert wurde ihre Position durch den mongolischen Kaiser und Enkel Dschingis Khans, der 1244 den berühmten Sakya Pandita (Gelehrte von Sakya) an den Kaiserhof (damals Liangzhou) holte und ihn zum offiziellen Repräsentanten Tibets ernannte. Sein Nachfolger (1235-80) konnte diese Stellung noch weiter ausbauen. Ihre Vormachtstellung verloren die Sakyapa durch interne Nachfolgestreitigkeiten jedoch bereits um 1350 wieder. Erkennbar ist der Einflussbereich der Sakya noch heute an der Farbgebung der Gebäude. Die blauen (grauen), roten und weißen Streifen symbolisieren die drei meistverhehrten Bodhissattvas Tibets, die als deren Emanationen die Sakya-Hierarchien galten.

Ursprünglich gab es in Sakysa zwei Klosterkomplexe: das im mongolischen erbaute imposante Südkloster und das Nordkloster, ein typisch Monaswtischer Komplex, der aus 108 Gebäuden bestanden haben soll (mystische Zahl 3: 1*2*2*3*3*3 oder 9 (für den Raum) * 12 (für die Anzahl der Tierkreiszeichen). Vom Nordkloster am Hang jenseits des Flusses nördlich der Stadt sind fast nur noch Ruinen übrig. Teilweise wurde das tibetische Viertel zwischen den Ruinen erbaut, aber über dem Dorf sieht man am Berg noch überall die Ruinenstümpfe aus dem Hang ragen. Einige der festungsähnlichen Gebäude am Nordosthang sind wieder aufgebaut worden.

Wir besichtigten das Südkloster - eine gewaltige Klosterfestung. Es wurde 1268 als massives Fort im Auftrag von Saky Panditas (s.o.) Neffen errichtet und besitzt fünf Haupttempel, die von einer großen, an allen Ecken mit Türmen besetzten Mauer umgeben sind.

Gleich gegenüber vom Eingang gelangt man über eine weitern Innenhof zum Haupttempel, dem 5.775 qm großen Dukhang. Seine mächtigen, nahezu fensterlosen Mauern haben eine Höhe von 16m und eine Dicke von 3,50m und vermitteln den Eindruck eines Forts innerhalb der Burg. In der Torhalle begrüßen zwei große Statuen (Zerstörer) und vier Weltenwächter die Besucher. Dahinter betritt man eine geschlossenen Innenhof, von dem aus man zunächst in den Lhakhang Chemno („Großer Lakhang“) an der Westseite gelangt. Haben sich die Augen erst einmal an die Dunkelheit gewöhnt, versetzen einen die gigantischen Buddha-Skulpturen in Staunen. Große Buddha-Statuen findet man auch in anderen Tempeln, aber nirgends sonst treten sie so geballt auf. Der Anblick war für uns wirklich etwas Besonders. Das Fotografieren war leider nicht erlaubt. So konnten wir das Schauspiel nur in uns aufnehmen und versenken.

Hinter der Längsseite des Lhakhang Chemo befindet sich die Bibliothek mit 20.000 Bänden, die oftmals für den Besucher nicht zugänglich ist. Wir konnten sie bewundern oder besser bestaunen. Man warf den Kopf in den Nacken – die Bände waren auf den Regalen bis unter die Decke gestapelt über die gesamte Breite des Lakhang. Ich liebe Bibliotheken insbesondere alte Bibliotheken und das war ein einmaliger Anblick – leider auch ohne Foto! Sie galt als umfangreichste Bibliothek alter Schriften Tibet. Die Bücher haben eine Länge von 60m und eine Höhe von 10m und eine Tiefe von 1m. Die kostbaren Schriften konnten während der Kulturrevolution versteckt werden (schöne Grüße an unseren Reiseführer!) und bilden heute eine der größten literarischen Schätze Tibets.

 

Nach der Besichtigung der Nebengelasse und Kapellen ging es – endlich - zum Mittagessen. Es hieß im anhängenden Klosterrestaurant – was wir nicht ganz nachvollziehen konnten, da das Lokal außerhalb des Klosters lag – erhielten wir nach geduldigem Warten, während dessen dem Einen oder Anderen bereits die Augen schwer wurden, gegen ca. 14.30 Uhr eine ordentliche Suppe. Unter dem Hinzufügen einer guten Portion Chili war sie gleich doppelt so lecker. Das Essen der Suppe mit Stäbchen war eine echte chinesische Übung in schlürfen und schlucken ;o)

Der obligatorischen Toilettengang im Anschluss wurde eine atemberaubende Erfahrung. Dort hätte sich selbst eine Fliege nicht an der Wand halten können…

 

Nach dem Aufstand der Zwerge oder auch Touristen sind wir noch einmal in das Kloster auf die Mauer, die an jeder Seiten 100m lang ist und auf der man das Kloster umrunden kann. Treppen hinauf gibt es in der Nord- und Südostecke. Dabei hat man nicht nur einen schönen Blick über die Stadt, sondern auch über die Mönchsquartiere, die sich wie kleine Reihenhäuser an der östlichen Mauerfront aufreihen. Es war schon sehr amüsant, die Vorhöfe der Mönchsquartiere zu begutachten. Die einen waren nett begrünt, die anderen ganz spartisch ausgerichtet und immer wieder hingen gewaschenen Wäsche und Wischmöpse in den Wäscheleinen.

 

Dann hieß es wieder einsteigen in den Bus. Es lagen noch ca. 144 km bis Dzong/New Tingri vor uns. Motto des Tages laut Studiosus: Foto mit Yak! Da gab es nur ein kleineres Problem. Früher gab es riesige wilde Herden bis 20.000 Exemplare über das Land verstreut – ähnlich dem nordamerikanischen Bisons. Aufgrund der professionellen Jagdmöglichkeiten sind diese Herden stark zusammengeschrumpft. Sie haben sich in die unwirtlichen Weiten des Nordwestens zurückgezogen. Die Herden, die wir überhaupt noch sehen konnten waren Herden von Nomaden. Die Yaks ernähren sich von Flechten und sind sehr genügsame Tiere.

Yaks sind für die Tibeter so etwas wie die Essenz des Lebens. Sie dienen als Zugtiere in der Landwirtschaft, Wolllieferanten für die Zelte der Nomaden, als Tragtiere, sie liefern überaus nahrhaftes Fleisch, das ideal für das Leben in großer Höhe geeignet ist, ihre Knochen werden zu Gebetsketten verarbeite, und selbst der getrocknete Dung wird als Brennstoff in den baumlosen Hochebenen genutzt (wie bereits beschrieben). Die Yak-Kühe, die man allerorts auf den Weiden sieht, sind jedoch keine Yaks sondern Kreuzungen aus Yaks und Kühen. Sie heißen Dri und werden gemolken. Jeder Tibetreisende wird täglich auf mannigfaltige Weise auf ihre Milchprodukte stoßen.

Auf den Straßen wird frischer Joghurt (Sho) und getrockneter Käse verkauft. Der Käse wird aus der Buttermilch gewonnen, die bei der Butterherstellung gewonnen wird. Die Buttermilch wird erhitzt und abgeseiht, und dabei entsteht ein krümeliger Käse, der so steinhart wird, ob er überhaupt essbar ist. Aber ähnlich wie getrocknetes Yakfleisch dient er den Nomaden und Pilgern als Wegzehrung, an der man den ganzen Tag kauen kann. Dem westlichen Gaumen schmeckt tibetischer Käse nur, wenn er nach Schweizer oder Norwegischer Technik zubereitet wird. Solchen Käse findet man allerdings fast nur in Lhasa. Den tibetischen Käse kann man überall kaufen. Er wird u.a. auf Märkten und an Straßen wie eine mit Käsestückchen aufgefädelte Kette verkauft. Einige haben den Käse probiert und beschrieben ihn als hart, so dass er im Mund erst langsam weich werden musste, und säuerlich im Geschmack wie Buttermilch.

Buchstäblich in ganz Tibet bekommt man dagegen Yakbutter, einer Art Universalsubstanz für den profanen und religiösen Alltag. Die Butter wird meist sorgfältig in Yak-Mägen verpackt und Scheibe für Scheibe verkauft. Ihr Geschmack ist herzhafter und die Konsistenz fester als bei unserer Butter Kein echtes tibetisches Gericht oder Getränk kommt ohne diese Butter aus. Sie wird für die Herstellung von Tsampa (tibetisches Frühstück) und Buttertee benötigt und fast alle tibetischen Gerichte schwimmen in einem Meer aus Buttersoße. Doch nicht nur in der Nahrungszubereitung spielt die Butte eine Rolle, sondern auch in vielen Bereichen des täglichen Lebens. In den Tempeln dient die Butter als Grundstoff für die unzähligen Butterlampen, deren Ruß die Wände mit einem schmierigen, schwarzen Film überzieht, auf Festen werden prachtvoll geschmückte Butterskulpturen für die Prozessionen hergestellt, den Nomaden dient die Butter als Sonnenschutzmittel und den Bauern als Schmiermittel. – Die Aussage der Butterlampen muss man korrigieren, da zwischenzeitlich die Yakbutter teuer als das billige Kerzenwachs geworden ist, so dass fast ausschließlich nur noch Kerzenwachs verwendet und gespendet wird.

Ichpersönlich weiß nicht, was alle mit diesem Yakbuttertee haben. Er schmeckt etwas merkwürdig – wie Instantbrühe (Maggi) mit Milch angereichert. Aber er wird auch nur selten Touristen angeboten, meist nur auf Nachfrage. Da die Butter darin in der Regel nicht ranzig ist, ist er durchaus trinkbar. Viel schlimmer dagegen fand ich persönlich, dass fast alle Lebensmittel mit dieser Milch oder dem Fett verbunden waren. Die Butter für den Toast (der Toast selbst auch), die Milch für das Müsli oder den Kaffee (als Cappuccino ging es), das Fett, in dem das Fleisch gebraten und die Kartoffeln frittiert wurden und das Yakfleisch selbst. Es hat alles einen strengen Eigengeschmack, der mir sehr schnell den Appetit verdarb. Das Yakfleisch selbst schmeckte und roch – je älter Yaks sind – sehr streng und war sehr zäh. Aber gut, wer nicht so viele Geschmacksknospen hat…

 

Ca. 60 km vor Shegar Dzong/New Tingri passierten wir den Pass Lhakpa La (5.220m). Das war der höchste Punkt, den wir während unserer Tour zu überwinden hatten. Von hier aus sollte man einen tollen Blick auf die Sieben- und Achttausender haben. Leider war durch die dicken Wolken nichts zu sehen :o( Somit blieb uns noch die Hoffnung für den nächsten Tag!).

Zur Sicherheit haben wir uns gleich noch einmal für unser Höhentrainingsteam („Höhenpunkt“) ablichten lassen. „Der höchste Punkt für Höhenpunkt“ hört sich ja auch gleich netter an…

 

Wir haben es geschafft. Gegen 18.30 Uhr Ankunft in Shegar Dzong/New Tingri. Dieser Ort könnte ein Dorf sein, wenn es sich nicht um eine einzige Baustelle gehandelt hätte. Einen Stadtplan zu diesem Ort konnte ich in keinen Reiseführer finden. Nun war mir auch klar, warum. Wir waren definitiv am Ende der Zivilisation angekommen. Die Formulierung von Studiosus „einfache Übernachtung im Gästehaus“ traf es nicht so ganz.

Unser Hotel hieß „Everest Hotel“ und war natürlich das beste Hotel am Platz ;o) Jeder nahm sich einen Schlüssel und begab sich auf die Suche nach seinem Zimmer. Wir wohnten alle im ersten Stock – also nur eine Treppe laufen , Gott sei Dank – aber der Flur wollte einem 100m-Lauf gleichen. Völlig außer Atem kamen wir an unserem Zimmer an. Es sollte die höchste Übernachtung unserer Tour werden auf 4.300m. Manfred betrat das Zimmer und murmelte nur noch „So etwas Abgeranztes!“. Ich fluchte still in mich rein, da unser Zimmer das Letzte auf dem Gang war. Das hieß zwei Außenwände und es war eh schon so kalt in dem Zimmer – geschätzt max. 10 Grad. Der Besuch der Toilette fiel mit den Unterschenkeln in der Wanne am entspannender aus… Nach einem leckeren Anjana-Gingko-Tee und ohne Auspacken (Was wollte man auch auspacken?) ging es zum Abendessen. Der Raum glich einem Festsaal mit von Silvester übrig gebliebener Dekoration – ein typischer Hang der Chinesen zum Kitsch. Wir nahmen an einem chinesischen runden Tisch mit Drehplatte Platz. Aus der Küche folgten sieben Hauptgerichte plus Reis und dünner Suppe. Das Ganze für 13 Personen plus Reiseleiter nenne ich sparsam. Mein Versuch, mich von Reis und Kartoffeln satt zu essen, gelang nur mäßig. Der (Chef)Koch ließ sich hin und wieder blicken und fand sich offenbar mit seiner „Fluppe“ im Mundwinkel ganz großartig. Mit Tee und Bier beschlossen wir den Abend auf dem Zimmer. Ins Bett zu gehen war ein unausweichliches Detail dieser Nacht. So gingen wir bewaffnet mit Unterhose, Hose, zwei Paar Socken, Underwear-Shirt, Sweatshirt und Schal gegen 22.00 Uhr ins Bett. Ohne mitgebrachten Schlafsack ging nichts, da das Bett fürchterlich klamm war. Irgendwann fanden wir in den Schlaf. Gegen 5.00 Uhr störte eine der Hausmäuse unsere Nacht. Waren wir doch selbst Schuld! Also aufstehen, alle Taschen schließen, hochstellen und danach möglichst wieder in den Schlaf finden. Unser Schlaf war insgesamt sehr unruhig -allein aufgrund der Höhe – und endete (Gott sei Dank!) gegen 7.00 Uhr.

 

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