Zhangmu

 

Liveticker / Reisebericht:

Montag, 17.09.2012

Das Frühstück war erstaunlich lecker (vielleicht war der Koch doch nicht so schlecht!?). Es gab u.a. so etwas Ähnliches wie kleine Pfannkuchen und mit Marmelade waren sie sehr schmackhaft. Der Schokoladenkuchen à la Brownie war auch ganz lecker. Nicht lange aufhalten damit, weiter geht es.

Vor dem Hotel konnten wir 6 Engländer, die offensichtlich von Lhasa nach Kathmandu mit dem Fahrrad unterwegs waren, beäugen, wie sie sich startklar machten. Die Gesamtstrecke beläuft sich auf ca. 1.000 km und man benötigt ca. 3 Wochen dafür. Ein kleiner Begleitreisebus nahm ihr Gepäck auf. Dabei hatten sie einen örtlichen Reiseführer. Der ist zum Einen quasi vorgeschrieben und zum Anderen benötigt man ihn für die gesamten Genehmigungen, ohne die man nicht durch die Vielzahl der Kontrollen kommt.

Sie fuhren los und auch wir fuhren mit unserem Reisebus 9.00 Uhr ab. 246 km lagen vor uns. 9.15 Uhr sahen wir die Radfahrer schon wieder – Passkontrolle. Das war der erste Ausläufer für das am nächsten Tag folgende Passieren der Grenze. Alle raus aus dem Bus und nach Alphabet in einer Reihe anstellen. Pass und Visum waren vorzuzeigen und Lächeln bitte nicht vergessen! 9.45 Uhr Weiterfahrt!

 

Es war das letzte Mal, dass wir den Friendship Highway hinauffuhren und so passierten wir gegen 11.30 Uhr den Pass Lalung La mit 5.050m. Im Anschluss daran schraubte sich der Highway unaufhaltsam nach unten. Wir hatten leider wieder kein Glück. Dicke Wolkenpakete verbauten die Sicht zu den begehrten Sieben- und Achttausendern. Hatte ich doch schon mehrfach erwähnt, dass wir uns im Schneeland befinden?! Leider haben wir nur einmal echte Gletscher aus der Nähe gesehen. Das war sehr beeindruckend. Ansonsten waren die gesamten Bergerücken, die wir während unserer Reise bestaunten ohne Schnee aber auch ohne höhere Vegetation. Lediglich kleinere Sträucher und Flechten ansonsten reine Erde und Geröll waren zu sehen. Im Übrigen wurde auf Frage nach Namen der Berggipfel geantwortet, dass die Meisten davon keinen hätten, da es so viele gibt. Mit Blick auf die Landkarte von Tibet – wir hatten natürlich gleich zwei davon – sah man nur braune Einzeichnungen mit Punkten und Höhenangaben. Die Achttausender haben Namen und vielleicht noch ein paar Siebentausender.

Nach dem Einmarsch der Chinesen 1959 wurde für das benötigten Brenn- und Bauholz radikaler Kahlschlag in der gesamten Region betrieben. Das Ergebnis ließ nicht lange auf sich warten. Die Erosion nahm exorbitant zu und verursachte immer wieder Erdrutsche in teilweise erheblichem Umfang. Diese Erosionen mit ihren unglaublichen Ausdehnungen konnten wir immer wieder vom Bus aus bestaunen. Wiederkehrend waren und sind auch kleinere Nomadensiedlungen von den Erdrutschen  betroffen und nicht nur Straßen sondern auch Häuser und Menschen wurden und werden von abgehenden Wasser-Geröll-Massen verschüttet. Die Regierung in Beijing hatte sich des Problems Mitte des letzten Jahrzehnts angenommen und eine Aufforstung beschlossen. Umfangreiche Gelder wurden zur Verfügung gestellt. In den jeweiligen Kreisgemeinden kam jedoch nur noch ein Bruchteil des Geldes an. Da es sich die chinesischen Behörden gern leicht machen, forstete man in den Ebenen auf, nahm dabei den Bauern Land für Land- und Viehwirtschaft weg – und das Problem blieb…

Bei unseren Streifzügen durch die Städte und Ortschaften sowie unseren Fahrten über das Land konnte man immer wieder die chinesische Propaganda bewundern. In großen Tafeln wurden mit Fotos die Freundschaft und Hilfe der chinesischen Streitkräfte angepriesen sowie die aktuelle Parole verkündet: Wie gestalten eine harmonische Gesellschaft. Laut unserem Reiseführer hat dies Tradition. Alle Herrscher und später Staatsoberhäupter hatten während ihrer Amtszeit ein Motto, so dass sie im Volk nicht mehr mit ihrem Namen genannt wurden sondern mit der abgekürzten Mottoformel. Das aktuelle Motto war ein Ergebnis des Aufstandes in Tibet 2008, dem Jahr der Olympiade. Danach hatte sich das Verhältnis der Chinesen und Tibeter im Zusammenleben erheblich angespannt und verschlechtert. Wurde vorher ein toleriertes teilweise sogar freundschaftliches Miteinander gepflegt (laut Aussage unseres Reiseleiters), hatten die Tibeter nun das Nachsehen. Bei Rechtsstreitigkeiten erhalten die Chinesen Recht und Preise werden nicht mehr verhandelt, sondern von den Chinesen schlicht vorgegeben. Dies führt zu einer zunehmenden Unzufriedenheit in der tibetischen Bevölkerung. Ein Umdenken durch ein verkündetes Motto? Wir hatten während unseres Besuches ganz klar das beklemmende Gefühl in einem besetzten Land zu sein. Überall war Militär- bzw. Polizeipräsenz - verstärkt auf großen Plätzen und vor wichtigen Heiligtümern (Klöstern). Man konnte die Angst der örtlichen Machtvertreter vor weiteren Aufständen oder sich verbrennenden Mönchen förmlich anfassen. Überall sah man Feuerlöscher und bei genauerem Hinsehen auch Wachposten auf den Dächern. Fraglich ist, wie sich die Stimmung im Land verändert, wenn der Dalai Lama stirbt, der immer wieder zu Frieden und Gewaltlosigkeit aufruft und mahnt – auch wenn die chinesische Regierung dies gern verdreht. Wir werden sehen…

 

15.00 Uhr erwartete uns die nächste Passkontrolle. Diesmal stieg ein sehr junger und durchaus netter Grenzsoldat in den Bus, der leider roch wie nach einer Woche im Iltisbau, und kontrollierte von uns allen die Pässe samt Visa. Militärische Anlagen sowie Grenzanlagen dürfen natürlich nicht fotografiert werden. Viel zu sehen gab es auch nicht: Karge Betonbaracken und ein Mehrmannzelt mit Stahlbetten für die Wache. Und weiter geht’s.

 

Der Friendship Highway ist von dem Problem der Erosion ebenfalls betroffen. Die Straßenabschnitte zur Grenze wurden in die Berghänge gearbeitet. Heftige oder länger anhaltenden Regenschauer führten dazu, dass das Wasser die Berghänge erst in Bächen hinabströmt und sich später in reißende Wasserfälle verwandelt. Der Highway wird unterspült oder durch Wasser-Geröllmassen verschüttet. Da die Straße zur Sicherung der Grenze als einziger Zugang strategisch wichtig ist, werden die Straßen sehr rasch beräumt und repariert.

Während unser Bus die Serpentinen meisterte und wir weiter an Höhe verloren, konnten wir Zeugen des Wetters werden. Die Wolken verfingen sich am Rand des Gebirges. Der Himmel zog sich zu. Tage zuvor musste es schon heftig geregnet haben. Mit offenem Mund und platten Nasen an den Scheiben beobachteten wir, wie der Bus über unterspülte und weggespülte Straßenteile fuhr, geflutete Straßenbereiche passierte, wo jeder Europäer aus dem Auto gestiegen wäre und sich geweigert hätte weiter zu fahren. Die Straßen hatten Hangbegrenzungen durch Betonklötze, die noch weitestgehend vorhanden waren – wie tröstlich.

Wir fuhren in Zhangmu ein und lagen eigentlich ganz gut in der Zeit. Zhangmu ist eine reine Grenzstadt, die sich an einem steilen Berghang wie ein Krebsgeschwür ausbreitet. Durch ihre Lage (2.300m) war es warm und fast tropisch feucht. Die Berghänge ringsherum sind mit Grün überwuchert. Es hatte zu regnen begonnen. Der Bus versuchte sich durch die engen, steilen Gassen zu schieben und wurde immer wieder durch parkende Fahrzeuge aufgehalten. Wieder mit großen Augen an den Scheiben sitzend beobachteten wir, wie man mit langatmigem Erfolg die wiederkehrend entstehenden Verkehrsknäuele entwirren versuchte. Die Strategie, keinen Millimeter seines zurückgelegten Weges wieder herzugeben, war dabei selten hilfreich. Wir befanden uns schließlich auf der Hauptverkehrsader…

Unser Reiseleiter las uns während dessen zwei tibetische Sexgeschichten vor. Was er uns damit wohl mittzuteilen versuchte???

Gegen 16.20 Uhr hatten wir es endlich geschafft. Wir waren im Hotel angekommen. Pässe abgeben – das mussten wir in jedem Hotel (Dort wurden siekopiert…???). Jeder griff nach einem Schlüssel. Die Etagen zählten sich nach unten. Unsere 3. Etage lag ein Stockwerk tiefer. Da der Toilettenbesuch in diesem Domizil einfacher war, war ein Mitreisender der Meinung, die Zimmer wären doch wieder etwas besser. Dies konnten wir nicht bejahen. In unserem Zimmer roch es, als ob es die Etagentoilette war. Verendetes Ungeziefer hing in allen Ecken und Rillen. Lebendes Ungeziefer auf der Suche nach einer leckeren Nahrungsquelle bahnte sich den Weg durch die undichten Fenster. Die Wände wiesen die erfolgreichen Tötungsaktionen unserer Vormieter auf. Wir machten es ihnen nach. Nach 10 Minuten räumten wir vorsorglich das Zimmer. Unser Reiseleiter berichtete auf dem Flur anderen unwilligen Reiseteilnehmern, dass das Hotel keine weiteren freien Zimmer hat und schlug eine Tauschaktion vor. Sein Zimmer in der ersten Etage sah aus, als ob die Feuchtigkeit aus der Erde freie Bahn in Boden und Wände hatte. Es war völlig verschimmelt und roch noch schlimmer als unser Zimmer. Wir lehnten dankend ab und bezogen wieder unser ungeliebtes Zimmer. Nach einem Besuch bei der Rezeption kam Manfred siegessicher wieder: Er hatte – vermeindlich – Insektenspray ergattert. Wir sprühten und verließen fluchtartig das Zimmer in Richtung Cafe schräg gegenüber. Es regnete immer noch bei tropischen Temperaturen. Wir bestellten einen Cappuccino (Wir lernen es auch nicht!) und bestellten sofort ein Bier nach. Manfred tipperte in seinem Handy und ich schrieb wieder einmal Reisebericht… Nach Rückkehr in unserem Hotelzimmer stellte sich beim Betrachten der Spraydosen heraus, dass es Duftspray war :o))) Wir änderten die Strategie und qualmten das Zimmer mit Duftkerzen und Zigaretten voll!!! Warmes Wasser gab es von 17.00-19.00 Uhr. Wir verlegten das Duschen ganz entspannt auf den nächsten Tag, wenn wir in dem vielversprechenden Hotel in Dhulikhel ankamen.

Das Abendessen fand in dem gemütlichen Cafe gegenüber statt. Es war tibetisch eingerichtet und es gab auch wieder tibetisches Essen. Wir bestellten nach, was wir wollten und ließen es uns gehen. Gegen 21.30 Uhr erfolgte der allgemeine Aufbruch. Unsere restlichen Yuan tauschten wir bei den illegalen Moneychangern in nepalesische Rupien um zum Kurs von 1:14. Grob konnte man rechnen: YAN zu EUR 8:1 und EUR zu RUI 1:

Dann ließen wir den Abend im Zimmer „ausklingen“. Wir tranken unser Trostbier und qualmten unser Zimmer voll, in der Hoffnung, der Gestank würde endlich nachgeben. Unsere Sachen für den folgenden Tag legten wir zurecht und präparierten uns für die Nacht. In Vollmontur kletterten wir ins Bett. Das Gepäck stand verschlossen auf den Möbeln. Das Licht erlosch um 22.30 Uhr. Als ich zu Manfred sagte: „Nur noch eine Nacht, dann haben wir es geschafft“, knurrt er zurück: „Das kann aber auch nicht Sinn eines Urlaubs sein“. Irgendwie erging die Nacht…

 

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